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Dr. Tobias Harzer sitzt an einem Schreibtisch und schaut lächelnd in die Kamera.
Praxis & Lösungen
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22.06.2026

Fachkräftemangel in der Intralogistik: „Die Frage ist nicht mehr, ob automatisiert wird“

Fachkräftemangel und steigende Anforderungen an reibungslose, effiziente Abläufe im Lager: Dr. Tobias Harzer erklärt, warum die Zukunft der Intralogistik im intelligenten Zusammenspiel von Mensch und Maschine liegt und wie erfolgreiche Automatisierung gelingt.

Die Intralogistik verändert sich grundlegend. Unternehmen müssen Prozesse effizienter gestalten, Lieferketten stabil halten und gleichzeitig mit einem zunehmenden Fachkräftemangel umgehen – insbesondere im Lager- und Produktionsumfeld. Vor allem bei standardisierten Transportaufgaben wird es vielerorts immer schwieriger, offene Stellen langfristig zu besetzen. Automatisierung entwickelt sich deshalb zunehmend vom Effizienzthema zu einer strategischen Notwendigkeit. 

Dr. Tobias Harzer, Vorstand Automation & Warehouse Equipment bei Jungheinrich, spricht darüber, warum autonome Systeme bereits heute eine wichtige Rolle spielen und weshalb erfolgreiche Automatisierung immer auch den Menschen mitdenken muss. 

Herr Harzer, warum gewinnt Automatisierung aktuell so stark an Bedeutung? 

Dr. Tobias Harzer lehnt an einem Fahrzeug und lächelt in die Kamera.

Tobias Harzer: Die Anforderungen an moderne Lieferketten steigen kontinuierlich: Prozesse müssen schneller, flexibler und gleichzeitig stabiler werden. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel vielerorts spürbar. Viele Unternehmen finden schlicht kein Personal mehr für bestimmte Aufgaben – insbesondere bei wiederkehrenden Transportprozessen, standardisierten Lagerprozessen oder im Schichtbetrieb.

Automatisierung hilft dabei, genau solche Prozesse zuverlässig zu stabilisieren und Mitarbeitende gezielter dort einzusetzen, wo menschliche Flexibilität, Erfahrung und situative Entscheidungen besonders wichtig sind. 

Wie weit ist die Technologie heute tatsächlich? Welche Aufgaben lassen sich heute bereits automatisieren? 

Tobias Harzer: Automatisierung ist längst keine Zukunftsvision mehr. Sie ist heute bereits in vielen Lager- und Produktionsumgebungen Realität. Dabei beobachten wir einen klaren Wandel: Unternehmen denken immer seltener in einzelnen Technologien und immer stärker in End-to-End-Prozessen. Es geht nicht darum, einen Roboter in ein Lager zu stellen. Es geht darum, Materialflüsse intelligent zu gestalten und Prozesse ganzheitlich zu optimieren. Deshalb analysieren wir gemeinsam mit unseren Kunden die jeweiligen Abläufe und entwickeln passgenaue Lösungen aus Fahrzeugen, Software und Automatisierungskomponenten.

Ein gutes Beispiel sind innerbetriebliche Materialtransporte. Viele dieser Prozesse lassen sich heute bereits zuverlässig automatisieren. Autonome Mobile Robots transportieren beispielsweise Paletten zwischen Wareneingang, Lager und Produktion oder versorgen Fertigungslinien mit Material – selbstständig und rund um die Uhr.

„Automatisierung ist längst Realität!“ 

Was macht moderne autonome Mobile Robots heute so leistungsfähig? 

Tobias Harzer: Moderne autonome Mobile Robots arbeiten deutlich flexibler, als viele Menschen vermuten. Sie nutzen Sensorik, Kameras und vor allem intelligente Software, um ihre Umgebung in Echtzeit zu erfassen und ihre Fahrwege dynamisch anzupassen. Dadurch können sie sich frei durch Lager- und Produktionsumgebungen bewegen, Hindernisse erkennen und eigenständig auf Veränderungen in der Arbeitsumgebung reagieren.  

Vier autonome Fahrzeuge von Jungheinrich stehen in einer großen leeren Lagerhalle.

Was ist technologisch aktuell die größte Herausforderung? 

Tobias Harzer: Lange Zeit hätte ich gesagt: die Navigation. Heute hat sich das verändert. Die eigentliche Herausforderung ist die intelligente Koordination vieler Fahrzeuge innerhalb komplexer Lagerumgebungen. Bei manchen Kunden bewegen sich 20 oder mehr autonome Fahrzeuge gleichzeitig durch Lager- und Produktionsbereiche. Die eigentliche Königsdisziplin besteht darin, diese Verkehrsflüsse sicher, effizient und störungsfrei zu organisieren. 

Wie gelingt das? 

Tobias Harzer: Dafür vernetzen wir Fahrzeuge, Lagerverwaltungssysteme und Materialflusssoftware intelligent miteinander. Transportaufträge werden priorisiert, Fahrwege dynamisch angepasst und Prozesse in Echtzeit gesteuert. 

„Die eigentliche Herausforderung ist der Verkehrsfluss.“ 

Welche Rolle spielt der Mensch künftig im Lager? 

Tobias Harzer: Einer der größten Irrtümer ist die Annahme, Automatisierung funktioniere einfach dadurch, dass man Menschen ersetzt. In der Praxis scheitern Projekte oft genau dann, wenn der menschliche Faktor nicht ausreichend berücksichtigt wird. Vollständig menschenleere Lager bleiben deshalb in den meisten Fällen eher die Ausnahme. In der Realität entstehen hybride Umgebungen, in denen Menschen und autonome Systeme parallel zusammenarbeiten. 

„Automatisierung funktioniert nur mit den Menschen!“ 

Besteht bei Mitarbeitenden trotzdem die Sorge, ersetzt zu werden? 

Ein autonomer Gabelstapler steht vor einem Regal und hebt eine Palette mit gestapelten Kisten darauf an. Tobias Harzer: Natürlich gibt es anfangs häufig Fragen oder Vorbehalte. Wird mein Arbeitsplatz ersetzt? Überwachen Kameras künftig jeden meiner Schritte? Kann ich autonomen Fahrzeugen überhaupt vertrauen? Was passiert bei einem Systemausfall? Diese Fragen müssen ernst genommen werden. Erfolgreiche Automatisierung bedeutet nicht, Menschen aus Prozessen zu entfernen. Es geht darum, Arbeit neu zu organisieren, Prozesse zu optimieren und Systeme stabiler zu machen – im Idealfall zum Vorteil aller Beteiligten. 

Unsere Erfahrung zeigt aber auch: Sobald Mitarbeitende erleben, wie zuverlässig und unterstützend die Systeme arbeiten, wächst die Akzeptanz sehr schnell.  

Welche Aufgaben bleiben auch künftig klar menschlich? 

Tobias Harzer: Automatisierung ist besonders stark bei standardisierten, wiederkehrenden Prozessen. Gleichzeitig gibt es viele Aufgaben, bei denen Flexibilität, Erfahrung und situative Entscheidungen entscheidend bleiben. Genau dort bleiben Menschen unverzichtbar. 

Was macht aus Ihrer Sicht erfolgreiche Automatisierung aus? 

Tobias Harzer: Die eigentliche Stärke liegt darin, beide Welten intelligent miteinander zu verbinden: die richtigen Aufgaben den richtigen Ressourcen zuzuordnen und Mitarbeitende frühzeitig einzubinden. 

Wie sieht für Sie die Intralogistik der Zukunft aus? 

Tobias Harzer: Die Zukunft der Intralogistik wird kein „Menschen gegen Roboter“-Szenario sein. Sie wird aus Menschen und Automatisierung bestehen, die intelligenter zusammenarbeiten als heute. Das haben wir zum Beispiel auch bei unserem Partner Wildeboer GmbH unter Beweis gestellt:

Automatisierung als strategisches Wachstumsfeld 

Für uns bei Jungheinrich ist Automatisierung eines der zentralen Wachstumsfelder der Strategie 2030+. Wir setzen als Systemintegrator auf vollständig integrierte und vernetzte Materialflusslösungen mit dem Ziel, automatisierte und nicht automatisierte Prozesse möglichst nahtlos miteinander zu verbinden. Das geht weit über die reine Automatisierung von Transportprozesse hinaus. Für viele Kunden realisieren wir bereits große Automatikprojekte inkl. AS/RS-Systemen.

Denn klar ist: Der Bedarf an intelligenten Automatisierungslösungen wird weiter steigen – nicht nur aufgrund wachsender Effizienzanforderungen, sondern auch wegen des demografischen Wandels und des zunehmenden Mangels an Fachkräften. 

 

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